Interview / Die Wahrheit zum Musikbusiness

Dem Musikbusiness haftet eine gewisse Magie an. Sein Geld mit eigener Musik verdienen … wer träumt da nicht von? Doch manch einer merkt auf dem Weg nach oben, dass auch diese Welt die ein oder andere Macke hat. Ich habe dazu mit einem Künstler gesprochen, der das ganze durch recht nüchterne Augen betrachtet. Aus verschiedenen Gründen möchte er Incognito bleiben. Viel Spass beim lesen.

Kurze anonyme Vorstellung deinerseits?

Bei mir handelt es sich um einen Musiker, ehemals mit Plattenvertrag bei einem Major Label.

Du schreibst in deinem Blog, dass du die Karriere die sich andere wünschen „hattest“ ! Bereust du das du sie hinter dir gelassen hast?

Ich habe sie noch nicht ganz hinter mir gelassen, daher schreibe ich auch anonym. Mit dem Ende des Plattenvertrags endete zwar der große Hype, die Finanzierung von defizitären Touren und die Einladungen zu Echo-Partys. Aber glücklicherweise endeten auch die endlosen Versprechen, die nie gehalten wurden, die Diskussionen um chartfähige Musik, und es begann endlich eine realistischere Sicht auf die Branche und wie bzw. ob man mit Musik Erfolg haben kann.

Wie seid ihr/ bist du soweit gekommen was war euer Erfolgsrezept?

Da spielen viele Dinge eine Rolle. Wir machen Musik, die durchaus auch im Radio laufen kann. Wir haben vor dem Plattenvertrag viel live gespielt und uns auf eine gute Performance konzentriert. Wir kommen aus Berlin, wo sich die Musikbranche vorwiegend herumtreibt. Und wir haben uns auch selbst mit den Themen Vermarktung, Online-Präsenz und Image beschäftigt. Darüber hinaus denke ich, dass wir musikalisch halbwegs begabt sind. Man wurde einfach auf uns aufmerksam. (Wir haben zum Beispiel nie Demos verschickt.)

Wenn du das ganze nochmal von vorne durchleben könntest was würdest du anders machen?

Meine Erwartungen wären sicherlich deutlich kleiner. Die Branche spielt gezielt mit den Hoffnungen und Träumen der Künstler. Wenn man sich dem hingibt und all das glaubt, was einem erzählt wird, wird man die meiste Zeit nur mit Enttäuschungen konfrontiert sein. Das wird sich auf die Kunst nicht positiv auswirken. Mit diesem Wissen im Hinterkopf würde ich auch anders an die Sache herangehen: Der Plattenvertrag wäre dann nur der Plan B. Wenn er funktioniert und man durch die Plattenfirma bekannt wird, ist ja alles gut. Aber Plan A wäre immer noch, selbst an seinem Erfolg zu arbeiten und auf niemanden zu warten. Die Verträge müssten einem natürlich diese Freiheit einräumen. Der Anwalt müsste gute Arbeit leisten.

Deine Meinung von den Plattenlabeln ist nicht die positivste wie kommt das?

Außer der Tatsache, dass die Labels die Entwicklung der Musikbranche verschlafen haben, werfe ich ihnen eigentlich nichts vor. Ein Label hat auch nur ein eigenes Interesse – das Verkaufen von Musik – und danach handelt es. Dass der Künstler da eher eine minimale Rolle spielt, musste ich erst lernen. Enttäuscht bin ich eher von der Arbeitsweise der Menschen in dieser Branche. Die fehlende Rücksicht auf andere, die Oberflächlichkeit, die allgegenwärtige Unzuverlässigkeit und die hohe Bereitschaft schlichtweg zu lügen habe ich in dieser Form kaum in einer anderen Branche gesehen.

Sollte eine Band sich überhaupt um einen Plattenvertrag bemühen oder ist man besser ohne dran?

Die Antwort auf diese Frage fällt heute sicherlich anders aus als noch vor zehn Jahren. Mit Sicherheit würde ich nicht empfehlen, dass eine Band als höchstes Ziel den Plattenvertrag haben sollte. Damit verschwendet man viel Zeit, in der man Fans akquirieren, tolle Songs schreiben und sich selbst vermarkten könnte. Wenn der Plattenvertrag dann da ist, ist auch noch nichts geschehen, auf das man stolz sein könnte. Denn er ist sicherlich keine Garantie, dass irgendetwas Großartiges passiert. Aber die Frage ist doch eher: Nehmen die Labels denn noch Bands unter Vertrag, die es dann zu etwas bringen? Aus meiner Sicht ist die Mühe um einen Plattenvertrag in Deutschland heutzutage vergebens.

Worauf sollte man dabei besonders achten?

Will man es trotzdem versuchen, sollte man die Sicht eines Labels im Hinterkopf behalten. A: Die Leute dort haben jeden Tag massenweise mit unbekannten Künstlern zu tun und B: Ein Major Label will so viel wie möglich verkaufen, ist also hauptsächlich am Mainstream interessiert. (Mit Sparten wie Jazz oder Klassik kenne ich mich kaum aus.) Das bedeutet, man muss eine gute Mischung finden aufzufallen und dennoch massentaugliche Musik zu machen. Beides ist sehr schwierig, und beides zusammen noch schwieriger. Manche Bands kommen über ihr Netzwerk an den Vertrag, etwa ein Manager oder Produzent mit guten Kontakten. Nur äußerst selten führt eine eingesandte Demo-CD zu einem Vertrag. Bei uns war es anders: Wir haben viel live gespielt und die Industrie zu uns kommen lassen. Das ging für uns auf. Wenn man das macht und man nie angesprochen wird, dann stimmt etwas am Produkt nicht.

Was waren denn für dich die guten Seiten am Leben eines erfolgreichen Musikers?

Die großen Live-Konzerte, das Leben auf Tour (bis zu einem gewissen Grad), die Zuschriften der Fans, die Groupies. ;-) Ich muss allerdings dazu sagen, dass wir kommerziell nicht so erfolgreich waren wie es sich das Label wünschte. Sehr viele Deutsche kennen uns nicht. Deswegen wollte das Label auch kein zweites Album mehr machen. Die Zeiten, als man noch mehrere Alben lang in einen Künstler investierte, sind lange vorbei. (Und dabei wurde Grönemeyer erst mit seinem fünften Album erfolgreich, Rosenstolz erst mit ihrem sechsten!)

Sind die Partys wirklich so gut ;-) ?

Die Partys in der Branche sind je nach Laune ok bis furchtbar. Es gibt viel Alkohol umsonst, aber der Rest ist „sehen-und-gesehen-werden“. „Was machst Du so?“ „Wie läuft’s bei Euch?“ Derselbe Smalltalk wieder und wieder. Ich persönlich hatte mehr Spaß mit meiner Band beim Abhängen im Hotel nach dem Konzert.

Wieso sind deiner Meinung nach so viele Musiker Blender oder hart ausgedrückt Lügner und Schaumschläger?

Ich habe nur wenig Musiker getroffen, die so sind. Unter den Musikern herrscht aus meiner Sicht immer das beste Verhältnis. Wir sind Kollegen. Probleme gab es fast ausschließlich mit den Nicht-Musikern der Industrie. Der A&R-Manager, der Marketing-Chef, der Bandmanager, der Booker etc. Ich denke, dafür gibt es mehrere Gründe. Das Ziel dieser Leute ist es, unter all den Künstlern denjenigen zu finden, der ihnen am meisten Geld macht. Und wenn sie ihn gefunden haben, alles dafür zu tun, dass die Welt für ihre Kunst zahlt. Man muss dafür schon ein übergroßes Image aufbauen und notfalls auch lügen, wenn es sein muss. Und am besten glaubt der Musiker auch selbst an dieses Image, damit er es nach außen hin vertritt. Für „normale“ Menschen ist da kaum Platz, das will keiner. Darüber hinaus scheint sich diese Verhaltensweise auf andere zu übertragen. Ich kenne Musiker, die selbst unter den Lügen litten, die dann aber selbst damit anfingen, als sie die Seite gewechselt hatten und etwa Produzent oder Label-Mitarbeiter wurden. Und drittens spielt sicherlich auch die Gier nach Anerkennung, Ruhm und Geld eine Rolle. Ich habe schlimme Streits miterlebt wegen 100 Euro. Das hätte es in keiner anderen Industrie gegeben.

Du machst dir auf deinem Blog auch Gedanken über die Entwicklung des Musikbusiness. Wo siehst du das Musikgeschäft in 5 Jahren in Zeiten von Filesharing und Onlinestores?

Definitiv mehr in der Hand der Künstler. Alles, was früher nur ein Label konnte, steht jetzt jedem zur Verfügung. Das reicht von der Produktion über die Distribution bis zum Musikvideo. Wer kreativ ist und sich mit diesen Medien beschäftigt, wird die Aufmerksamkeit der Zuhörer bekommen. Das wird woanders stattfinden. Nicht auf MTV, nicht auf SWR3. Sondern auf YouTube, Facebook (oder dem angesagten Medium in 5 Jahren) und auf den kleinen Bühnen Deutschlands. Das bedeutet auch, dass die erfolgreichen von uns nur in Nischen bekannt sein werden. Es wird definitiv schwieriger sein, von Musik zu leben in Deutschland.

Was willst du jungen Musikern abschließend mit auf ihren augenscheinlich steinigen Weg geben?

Die Zeiten des großen Ruhms durch den Major Label Vertrag sind definitiv vorbei. Je früher das ein Künstler erkennt, desto mehr Chancen hat er durch seine eigene Arbeit erfolgreich zu werden. Wichtig ist aber immer noch das Produkt: die Musik und das öffentliche Auftreten (Image, Konzerte, Internet, Videos, Interviews etc.). Musiker sollten sich vorwiegend um diese Dinge kümmern und dabei den Zuhörer im Kopf behalten, denn für ihn machen sie die Musik. Wer dann mit den Entwicklungen der Medien standhält, hat gute Chancen sich ein treues Publikum zu erspielen.

Weitere interessante Sichtweisen und Gedankengänge zum Musikbusiness findet ihr auf seinem Blog schaut doch einmal vorbei.

Gitarrenkram / die Dritte

Ich habe über das Wochende mal wieder etwas Zeit gehabt mich um die ein oder andere Macke des Blogs zu kümmern. Vielleicht ist die ein oder andere Änderung ja bereits aufgefallen.

Logo:
Zu erst habe ich endlich das neue Logo für die Seite fertiggestellt (siehe Flashgrafik). Jetzt sieht man endlich auf dem ersten Blick auf welcher Seite man sich befindet. Logos und generell Branding(=Markenaufbau) sind auch für Bands sehr wichtig dazu wird in nächster Zeit auch ein spannender Artikel hier erscheinen.
Ich hoffe es gefällt euch.

Twitter:
Nachdem ich mich lange gegen Twitter sträubte, habe ich mich aus einer Laune heraus einfach mal angemeldet um mir dieses HypeInstrument mal genauer anzusehen. Von heute an könnt ihr von guitarguyblog auch über Twitter viele News und Interresantes aus der Welt der Gitarristen bekommen. Ich lade euch herzlich ein mir zu Folgen und darüber zu twittern.

Sonstiges
John Mayer war letzte Woche bei TvTotal wirklich süß die Zwei. Nur die Lifeperformance war nicht so das Wahre ich glaube die Backgroundsängerinnen singen irgendwie falsch.



Schade eigentlich dass wenn er schonmal in Deutschland ist nicht auch gleich ein Konzert hier geben kann.

Weiterhin bin ich auf Laut.de auf eine Zusammenstellung der in den kommenden Monaten erscheinenden Alben gestoßen. Ich denke das wird ein musikalisch sehr interessantes Jahr. Was meint ihr?